Jens Prüss
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Jens Prüss

Gier als Lebensprogramm

Über Christian Friedrich Daniel Schubart (1739–1791) Schmuddelkind des Sturm und Drang


«Revolution» Es soll hier von einem die Rede sein, der für die Freiheit Kopf und Kragen riskierte. Er hatte das Zeug zum Rockstar – wenn er nur zweihundert Jahre später geboren wäre. Ein literarisch und musikalisch hochbegabter, sich hemmungslos auslebender Egomane, der die Normalität schrecklich fand. Nie wäre er einverstanden gewesen, sein Leben nur zu fristen. Ob der Rokoko-Wilde in »The-Who«-Manier auch sein musikalisches Equipment zerlegt hat, ist nicht überliefert. Aber zuzutrauen wäre es seinem Ungestüm gewesen. Sich selbst hat er oft genug zerlegt. Christian Friedrich Daniel Schubart, 1739 in Obersontheim in der Grafschaft Limburg geboren, ließ keinen Schocker aus. Er eckte an, wo er konnte. Sein Freiheitsdurst war zu groß, um sich an die Etikette zu halten. Die Gier als Lebensprogramm.

Der Sohn eines ordentlichen Bürgers – Vater Johann Jacob war Kantor und Pfarrvikar in der freien Reichsstadt Aalen – spielte mit den Schmuddelkindern, soff wie ein Bierkutscher, prügelte sich mit Verve, verschuldete sich bis über beide Ohren, landete im Kerker und brach das Studium der Theologie ab. Der Hallodri kehrte schließlich reumütig von Erlangen ins elterliche Haus nach Aalen zurück. Aber das Konventionelle behagte ihm nicht lange. Kaum verheiratet, verließ er Frau und Kinder, um fröhlich herumzuhuren, und sagte jedem Einflussreichen vor den Kopf, was er über ihn dachte. Ein Bürgerschreck, fürwahr! Ein Satiriker, der dem Namensvetter Satyr alle Ehre machte. Peter Härtling beschreibt Schubarts Leben als vertrackt modern »in seiner Neigung zur Anarchie«. Immer diese notorische Sucht zu glänzen und zu frappieren. Heute, im Zeitalter der Exzentriker, könnte so ein genialischer Bad Guy gerade wegen seines outrierten Benehmens Karriere machen. Aber im Reich des Despoten Carl Eugen von Württemberg durften nur die Aristokraten ludern, der Bürger hatte zu kuschen.

Doch zunächst flogen dem schwäbischen Freigeist die Gönner zu, und vor allem seine Lieder, zumeist von ihm komponiert, hatten eine große Fangemeinde. Die Gedichte, oft im Wirtshaus aus dem Stegreif entstanden, trällerte das einfache Volk in den Gassen. Lange vor Allen Ginsberg war Schubart ein Popliterat: »Diese Gelegenheitspoesie, oft vermischt mit bissigen Episteln über die Höheren und die Geistlichkeit, ist leider zu einem großen Teil verlorengegangen, da sie, Produkt bezwingender Spontaneität, kaum aufgezeichnet wurden.« Sorgfalt war nicht sein Talent. Und was erhalten blieb, versank zumeist in der Anonymität. So fängt das mit dem Vergessen an. Wer weiß noch, dass »Die Forelle«, von Franz Schubert in Töne gesetzt, ein Text von Schubart ist? Dabei hatte er damals mit seinen frech-fröhlichen Gassenhauern, die er selbst vertonte, den Status eines deutschen Bellmann. Als Beispiel ein Lied von geradezu glucksendem Übermut.


(Textauszug. Der vollständige Essay liegt als Sonderdruck der Literaturzeitschrift die horen vor. Entnommen dem Band 234/Sommer 2009.
Beim Autor erhältlich für 3,50 Euro plus Portokosten.

»Ihren schönen Aufsatz über Schubart hatte ich mir in die Ferien nach Frankreich mitgenommen – und sodann, beim Aufräumen nach der Wahlschlacht, fällt er mir wieder mit allerlei Anmerkungen, die ich mir gemacht habe, in die Hände. Ich danke für die vielen schönen Anregungen.« Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung



Jacques Tilly, Satire, Kunst und Karneval. Mit Textbeiträgen von Comiczeichner Ralf König, den Kabarettisten Jürgen Becker und Jens Prüss sowie den RP-Redakteuren Hans Onkelbach, Uwe-Jens Ruhnau und Christian Herrendorf.

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